myMWonline NEU
Sitemap
Sie befinden Sich hier:
Anfragen -> 321. Anfrage vom 11.05.2011
  

321. Anfrage vom 11.05.2011


 
Soll ich mich als Coach selbstständig machen, obwohl ich mich als zu jung und zu unerfahren empfinde?

Ich (weiblich, 34, Mutter und Ehefrau) bin seit 5 Jahren als Personalbereichsleiterin angestellt, davor war ich 4 Jahre Humen Resources Manager. Desweiteren habe ich mich zum Coach SIZ und in verschiedenen Bereichen (Organisationsaufstellungen, Beraterkompetenz, Veränderungskompetenz) weitergebildet.

Seit Langem beschäftigt mich der Gedanke, dass ich mich beruflich verändern möchte. Ich möchte als Coach und Kursleiter arbeiten oder im Bereich Outplacement. Mich hemmt, dass ich während der letzten 3 Jahre versucht habe, nebenberuflich meine eigene Praxis aufzubauen. Ich hatte hierfür ein 20% Pensum reserviert und hatte zeitweise auch Kunden (bis 3 pro Woche). Es erschien mir wie ein "Teufelskreis": Einerseits hatte ich ja garnicht mehr Zeit reserviert, aber die Kunden wurden auch nicht mehr! Ich scheue mich vor der Selbstständigkeit und habe große Bedenken, ob ich genügend Kunden bekommen würde. Vor allem verdiene ich jetzt auch wirklich gut, befinde mich aber in einer Art Vakuum. Ich bin nicht herausgefordert und fühle mich in der Komfortzone gefangen.

Gerade war ich als Teilnehmer in einem Management Development Programm unserer Firma. Was an Kursinhalt vermittelt wurde, würde ich mir durchaus zutrauen, da ich mir ein großes theoretisches Wissen angeeignet habe. Jedoch sind die Kursleiter viel älter als ich, viel erfahrener in Führungspositionen und hatten beide eine Führungsspanne von über 100 Mitarbeitenden. Das gibt einen gewissen Boden und schafft Vertrauen. Man hat das Gefühl, die beiden wissen, wovon sie sprechen, sie bewegen sich seit Jahre auf dem Niveu der Chefetage und Geschäftsleitung und haben beide ein Hochschulstudium. Da merke ich, wie Zweifel in mir aufkeimen, ob mir die anderen soetwas auch zutrauen, ob ich mir dies zutraue.

Das größte Hindernis für eine gute Lösung:

Ich verfüge nicht über ein Hochschulstudium, sondern habe eine Lehre absolviert und mich über Abendschulen weitergebildet. Wahrscheinlich stehe ich mir selbst im Weg, da ich immer das Gefühl habe, ohne Hochschulstudium von anderen, resp. von Kunden nicht ernst genommen zu werden. Hinzu kommt, dass ich erst 34 Jahre alt bin. Zu jung um als Coach eine gewisse Lebenserfahrung auszudrücken?
Ich merke, dass ich das größte Hindernis bin, weiß aber nicht, wie ich dem entgegen wirken könnte.

Die Antworten der Coachs:

Jörg Middendorf: Vielen Dank für Ihre Anfrage, die bestimmt für viele Menschen in Coaching-Ausbildungen ebenfalls von Interesse sein wird. Sie haben sich offensichtlich schon mit den Pros und Cons zu dieser Frage in Bezug auf Ihre Qualifikationen, Ihrer Person und den Rahmenbedingungen auseinander gesetzt. Was mir nicht ganz klar ist, inwieweit haben Sie diese Gedanken bereits in einem systemtischen Dialog mit jemanden besprochen. Sie wollen ja Coach werden und werden daher um die Bedeutung eines solchen Austausches mit einem professionellen Begleiter wissen. Die Entscheidung selber wird, wie die meisten wichtigen Entscheidungen, ja eher ein Prozess sein:
Informationssammlung, Gespräche mit Leuten im Coaching-Business, Abwegen von Vor-und Nachteilen, Risiken und Chancen, Hoffnungen und Befürchtungen... bis Sie ein gutes Gefühl dafür haben, welche Kriterien für Sie erfüllt sein müssen, damit Sie ein klares Ja oder Nein formulieren können. Welche Kriterien das für Sie sind, können tatsächlich nur Sie (ggf. im Dialog mit jemand drittem) bestimmen. Für den einen mag Sicherheit eine große Rolle spielen, für den anderen ist die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns zentrales Kriterium und für den dritten vielleicht die Unabhängigkeit, die mit der Selbstständigkeit verbunden wird. Was sind also die Werte, Kriterien, die für Sie eine zentrale Rolle spielen? Erst diese Kriterien und die damit verbundenen Werte bilden den Maßstab, die verschiedenen Argumente zu bewerten. Je bewusster Sie sich dieser Werte und Kriterien sind, desto eindeutiger können Sie die Frage nach dem für Sie richtigen Weg auch beantworten.

Der richtige Weg hängt meiner Erfahrung übrigens nicht vom Weg anderer ab oder von einer formellen Qualifikation (und wenn kann sie bei Bedarf nachgeholt werden). Spannend finde ich trotzdem, welche Funktion für Sie der Vergleich mit erfahrenen Coaches oder Beratern hat. Dass diese, viel älteren und bereits erfolgreich etablierten, Personen Ihnen im Moment einiges voraus haben, ist ja selbstredend. Wenn ich anfangen würde Tennis zu spielen und mich nach meinen erfolgreichen Anfängen gleich mit Spielern aus der Bundesliga vergleichen würde, wäre ja auch ein gewisser Abstand an Wissen, Erfahrung und Erfolgen zu erwarten. Was ziehen Sie also Positives aus dem Vergleich? Was nützt Ihnen dieser Vergleich? Wieder eine Frage, die in einem Coaching zu dem Thema "Entscheidung zum weiteren Berufsweg" bestimmt weitere interessante Fragen und Diskussionen nach sich ziehen würde. Sicher, viele Coaches haben eine akademische Ausbildung - allerdings nicht alle erfolgreichen Coaches haben eine solche Ausbildung. Viele Coaches haben eine therapeutische Ausbildung - aber nicht alle. Viele Coaches hatten Führungserfahrung - aber nicht alle. Viele Coaches sind in Berfusverbänden - aber längst nicht alle. Viele Coaches haben...

Was hat das mit Ihrem Weg ins Coaching zu tun und mit der Qualität, die Sie anbieten können und wollen? Coaches haben in der Regel ein sehr individuelles Profil und stehen meiner Meinung nach nicht wirklich in Konkurrenz zueinander. Es kommt auf die Passung an. Allerdings ist es hilfreich für potenzielle Coachees zu wissen, was Ihre persönlichen Qualitäten ist. Weniger interessant ist meistens, welche Qualitäten oder Qualifikationen Sie nicht mitbringen.

Aber ich möchte nicht nur Fragen stellen. Ich möchte Sie noch auf den ein oder anderen Umstand hinweisen, der bei der Berufswegplanung in Richtung Coach von Bedeutung sein kann. Erstens: Fast kein Coach ist ausschließlich Coach! Wir führen seit 2002 jährlich die Coaching-Umfrage Deutschland durch und fragen immer wieder, welchen Anteil das Coaching an den Gesamttätigkeiten des Coaches ausmacht. Und seit 2002 bekommen wir (mehr oder weniger) immer die gleiche Antwort: Professionelle Coaches arbeiten nur zu 1/3 ihrer Zeit als Coach. Die anderen 2/3 arbeiten sie als Trainer, Ausbilder, Therapeut, Unternehmsberater, etc.
Zweitens: Coaching fußt auf einem schwierigen Geschäftsmodell: Wenn Sie morgens ein Coaching von zwei Stunden durchführen und pro Stunde 200 € nehmen würden, dann haben Sie 400,-€ Umsatz erwirtschaftet. Vielleicht haben Sie Glück und nachmittags haben Sie noch ein Coaching, dann haben Sie an diesem Tag 800,- € Umsatz erwirtschaftet (ob das viel ist oder wenig und wie Einkommen von Festangestellten mit denen von Freiberuflern zu vergleichen sind und wenn ja, wie, lasse ich mal bewusst aus, obwohl dazu Bücher gefüllt werden könnten). Als Trainer eines einfachen Standard-Kommunikationsseminars, welches in der Regel über zwei Tage geht, bekommen Sie pro Tag vielleicht 1.400,- oder mehr Euro. Also 2.800,- die Sie nicht bekommen können, wenn Sie an dem ersten Vormittag ein Coaching annehmen würden. Sie müssen also ständig abwägen, wie viel Geld Sie verlieren, wenn Sie ein Coaching annehmen (Opportunitätskosten). Wahrscheinlich wollen Sie Coach werden, weil der Beruf viel Spaß macht, anregend ist und Sie viel bewegen können. Sie sollten sich aber frühzeitig Gedanken machen, wie Ihr Geschäftsmodell insgesamt aussieht, damit der Spaß am Beruf und eine positive Work-Life-Balance langfristig erhalten bleiben.

Eine Entscheidung zur beruflichen Zukunft ist für die meisten Menschen eine Entscheidung mit existenziellen Ausmaßen. Daher ist es gut, dass Sie sich viele Gedanken machen und das Sie aktiv in den Austausch zu Ihrer Situation gehen. Ich wünsche Ihnen dabei und beim Entscheidungsprozess weiterhin alles Gute!


Detlef Schmidt: Vielen Dank für Ihre Schilderung. Sie schreiben, dass Sie gern selbständig als Coach/Kursleiterin oder im Bereich Outplacement arbeiten möchten, sich dabei selbst aber wohl im Wege stehen - weil Sie ohne Hochschulstudium dastehen, zu jung sind, zu wenige Erfahrungen in Führungspositionen haben und als Selbstständige womöglich zu wenige Kunden bekommen werden.
Dabei vergleichen Sie sich mit Kursleitern, die über genau das verfügen, was Sie nicht vorweisen können. Fast logischerweise fragen Sie sich dann, ob wohl die Teilnehmer/innen Sie ernst nehmen würden, falls Sie mal da vorn stünden als Kursleiterin.

Mir fällt dabei auf: Ihr Blick geht in Richtung der Anderen! Was die haben, was die können, ob die Sie wohl ernstnehmen würden usw.
In mir ist der Gedanke, dass es für Sie hilfreich sein könnte, den Blick von den Anderen abzuwenden und auf sich selbst zu lenken. Als Grundlage für diesen selbstreflektierenden Blick nehme ich Ihren Satz bezüglich der beiden Kursleiter "...man hat das Gefühl, die beiden wissen, wovon sie sprechen..." Genau das ist der Punkt. Dieses Gefühl hat bei Ihnen Vertrauen geschaffen, weil die beiden Kursleiter neben dem rein fachlichen Wissen eben auch ihre diesbezüglichen Erfahrungen einbringen konnten. Das wirkte echt, authentisch, überzeugend.

In Übertragung auf Ihre Situation: Sie verfügen über ganz eigene, spezifische Erfahrungen! Sie wissen, wie es ist, Lehrling zu sein. Sie wissen, was es heißt, sich allabendlich nach Feierabend nochmal auf die Schulbank zu setzen. Sie wissen, wie eine Frau in Führungspositionen kommt und welche Hindernisse es auf dem Weg dorthin zu überwinden gilt. Sie wissen, wie es sich anfühlt, mit den unterschiedlichen Rollen und Erwartungen (Ehefrau, Mutter, Führungskraft usw.) umzugehen. Sie können Ihre praktischen Erfahrungen als HR-Managerin und Personalbereichsleiterin mit dem Hintergrundwissen Ihrer Coachingausbildung verbinden und beides wiederum mit Ihrer bisherigen Lebenserfahrung verknüpfen etc.

Nehmen Sie sich die Zeit und reflektieren Sie intensiv über sich selbst. Sie werden mit Sicherheit eine richtig lange Liste erstellen, was Sie alles können und worin Ihre spezifischen Erfahrungen bestehen. Diese Liste könnte bspw. der Ausgangspunkt für die Frage sein, mit welchen Themen Sie sich als Coach/Kursleiterin am Markt positionieren könnten. Und genau diese Themen sind es dann, mit denen Sie Ihren potentiellen Kunden das Gefühl geben, "...hier kommt eine Fachfrau, die weiß, wovon sie spricht!" Somit wären Sie echt, authentisch, überzeugend...
Entsprechend Ihrer Themen werden Sie dann auch die "dazugehörenden" Kunden bekommen, so etwas ergibt sich beinahe automatisch. Und wenn es einen Markt für Ihre Themen gibt, gibt es auch immer Kunden dafür.

Ein Letztes: Es als Defizit anzusehen, über kein Diplom zu verfügen, mag psychologisch für Sie ein Problem darstellen, beruflich gesehen ist diese Sichtweise unnötig. Meine Erfahrung: Die potenziellen Kunden interessiert vorrangig meine Erfahrungswelt im Allgemeinen und meine Beratungserfahrungen im Besonderen, dazu maximal noch meine Beratungsausbildungen. Eine gute Arbeit abzuliefern ist entscheidend, aber nach einem 10, 20 oder 30 Jahre alten Diplom kräht wirklich kein Hahn.
Ich wünsche Ihnen für Ihre beruflichen Veränderungen alles Gute und viel Erfolg.


Marion Mirswa: Vielen Dank für Ihre Anfrage und Ihr Vertrauen. Zunächst alle Achtung, dass Sie so viel Energie haben und sich einer neuen Herausforderung stellen möchten. Lassen Sie mich bitte zusammenfassen: Sie sind nun mit 34 Jahren seit fünf Jahren Personalbereichsleiterin mit verschiedenen Weiterbildungen, verdienen wirklich gut, befinden sich jedoch derzeit in einer Art Vakuum, fühlen sich zu wenig herausgefordert und in Ihrer Komfortzone gefangen. Am liebsten würden Sie als Coach und Kursleiterin oder im Outplacement arbeiten, trauen es sich inhaltlich zu, sind jedoch unsicher, ob Ihre Qualifikationen für den Markt ausreichen. Sie sehen, dass viele Mitbewerber ein Studium und/oder langjährige Führungserfahrung mitbringen.

Wenn Sie sich selbst im Namen Ihre Firma beauftragen würden, was wären die drei ausschlaggebenden Kriterien? Was würde Sie an Ihren Fähigkeiten überzeugen? Was würden Sie erwarten? Was genau könnten Ihre Klienten schätzen?

Zu Ihrem Wunsch nach beruflicher Veränderung: Was reizt Sie an der Tätigkeit, die Sie in Betracht ziehen? Was möchten Sie damit erreichen - für sich - für Ihre Klienten - und für Ihr Umfeld, Ihre Familie? Welche andere Möglichkeiten gäbe es, diese Ziele zu erreichen?

Ich möchte Ihnen folgendes Zukunftsszenario anbieten: Sie feiern Ihren 50. Geburtstag: Wie sieht dieser Tag aus? Wie wachen Sie auf? Was ist da um Sie herum? Mit wem möchten Sie feiern, wo und wie genau? Lassen Sie diesen Tag vor Ihrem inneren Auge entstehen. Und dann 10 Jahre später, Ihr 60. Geburtstag. Wie und mit wem würden Sie diesen feiern mögen? Wenn Sie an diesem Tag zurückblicken würden, auf was wären Sie stolz? Wofür hat es sich gelohnt, die entsprechende Energie zu investieren? Was möchten Sie die nächsten 10 Jahre noch machen?

Was halten Sie davon, Alternativen zu suchen, beispielsweise: Welche internen Möglichkeiten gibt es? Immerhin konnten Sie an einem Management Development Program teilnehmen. Könnten Sie andere Aufgaben übernehmen, beispielsweise in der Weiterbildung und sich dadurch mehr in Ihre Zielrichtung bewegen und Erfahrungen sammeln? Könnten Sie Führungsverantwortung übernehmen und somit Erfahrung in verantwortlicher Position sammeln? Wenn Sie in einem Konzern arbeiten, könnten Sie innerhalb des Konzerns zu einer Tochter oder in einen anderen Bereich wechseln?

Eine weitere Alternative könnte sein, sich in einem anderen Unternehmen zu bewerben für eine Tätigkeit, die Ihrem Wunsch etwas näher kommt, beziehungsweise Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet.

Weiter: Könnten Sie nebenberuflich studieren - vielleicht Psychologie, Arbeits- und Organisationspsychologie, Mediation etc. - eventuell durch ein Fernstudium? Welchen Schulabschluss haben Sie? In einigen Bereichen, kann man studieren - ohne Abitur, wenn man mehrjährige einschlägige Berufserfahrung mitbringt. Das könnten Sie über die entsprechende Studienberatung klären. Müssten Sie dazu Ihre Arbeitszeit reduzieren - um wie viel?

Inwieweit können Sie mit Ihren Vorgesetzen sprechen, um Möglichkeiten abzuklären?

Eine Alternative könnte auch sein, dass Sie weiterhin 20 Prozent (oder auch mehr) für nebenberufliche Aufträge reservieren - ohne Erwartungen eines Wachstums - und Ihre Komfortzone noch eine Weile genießen - anstatt sich gefangen zu fühlen.

Und privat: Welchen Anteil haben Ihre Familie und Ihre Freunde? Welche Unterstützung bekommen Sie privat und was benötigt Ihre Familie von Ihnen? Wie sieht es mit Ihrer Time-Life-Bilanz aus?

Auf mich wirkt es, als hätten Sie viele Möglichkeiten und vergleichsweise wenig Druck von außen. Wie hoch ist der Druck von außen - in Prozent? Und wie hoch ist der Druck von innen? Was würde passieren, wenn Sie Druck mindern - oder auch verstärken würden?

Und am Ende noch eine andere Frage: Outplacement - Welche Rolle wird dies in Zukunft in Unternehmen spielen?
Ich könnte mir vorstellen, dass Sie gemeinsam mit einem Coach live Alternativen betrachten und wünsche Ihnen viel Erfolg auf Ihrem Weg.


Wir freuen uns über weitere Anmerkungen zu der Anfrage und/oder den Antworten der Coachs.
 
Unterthemen   Kurzbeschreibung  
Leserkommentare (321)  
Leserkommentare zur 321. Anfrage  


Ihre E-Mail-Adresse:


Sicherheitscode: