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322. Anfrage vom 7.6.2011


 
Wie überzeuge ich einen sturen Chef davon, die Lohnverrechnung auszulagern?

Ich bin seit mehr als zwei Jahren in einem Unternehmen als Personalmanagerin tätig. Ich habe inzwischen elf Jahre Erfahrung gesammelt und fühle mich besonders fit in den Bereichen: Personalentwicklung, Organisationsentwicklung, Change Management, Karrierebegleitung, Rekruiting, Arbeitsrecht u.v.m. Leider haben wir hier im Unternehmen, das ein KMU ist, auch mit der Lohnverrechnung in der Personalabteilung zu tun. Ich bin der Meinung, diese sollte man auslagern und sich mehr auf die Kernkompetenzen im Personalbereich konzentrieren.

Mein Chef ist leider ganz anderer Meinung und ich darf diese Idee in seinem Beisein nicht mehr ansprechen, da er sonst wirklich "explodiert". Ich finde aber, wir binden hier Ressourcen am falschen Ort und es konzentriert sich hier zunehmend alles auf die korrekte Verrechnung anstatt die richtigen Leute am richtigen Ort zu haben.

Das größte Hindernis für eine gute Lösung:
Mein Chef, der sehr bestimmt und stur ist.

Die Antworten der Coachs:

Reinhard Fukerider: Danke für Ihre Coaching-Anfrage. Es ist bestimmt nicht ganz einfach, es aushalten zu müssen, seine eigenen guten Ideen und Verbesserungsvorschläge im wahrsten Sinne des Wortes nicht an den Mann bringen können. Das verhängte Redeverbot über dieses Thema, suggeriert mir das Bild eines cholerischen Chefs oder eines Chefs, der möglicherweise genervt ist von Ihren Verbesserungsvorschlägen. Vielleicht mangelt es ihm an Wertschätzung Ihrer Person bzw. Ihnen als Frau gegenüber? Wieso er letztendlich auf dieses spezielle Thema so gereizt reagiert, weiß ich nicht. Da müsste man vermutlich intensiver in seiner und Ihrer Lebensgeschichte kramen und Ihrer beider berufliche Geschichte reflektieren, was hier nicht möglich ist.

Meiner Meinung nach haben Sie folgende Möglichkeiten, mit der Situation umzugehen:
Ihn aufs Blut zu reizen, bringt nichts. Sie verstärken nur seinen Widerstand und schädigen sich möglicherweise selbst. Wenn Sie es nicht schon getan haben, könnten Sie Ihre Ideen schriftlich niederlegen und/oder über das betriebliche Vorschlagswesen (falls vorhanden) weiterreichen. Wichtig wäre dabei, den betrieblichen und finanziellen Nutzen herauszustellen. Damit haben Sie Ihre Pflicht und Schuldigkeit erfüllt und keiner kann Ihnen im Nachhinein vorwerfen:"Das hätten Sie uns ja schon mal früher sagen können!" Und dann müssen Sie abwarten, ob die Idee aufgegriffen wird oder in der Schublade bleibt.

Sie könnten natürlich auch überlegen, wie Sie ihm mit weiblicher Klugheit Ihre Ideen so anbieten, dass er sie als seine eigenen ausgeben kann. Sie bekommen dann vermutlich nicht offizielles Lob, hätten aber zumindest die innere Befriedigung darüber, Ihr Ziel erreicht zu haben. Bestimmte Chef-Typen können nicht zugeben, dass Frauen bessere Ideen haben als sie selbst.
Überlegen Sie auch nochmal, welche Vorteile Sie selbst in Ihrer beruflichen Situation von der von Ihnen vorgeschlagenen Veränderung ziehen könnten und ob bzw. was es Ihnen wert ist, dafür energisch einzutreten.
Versuchen Sie innerlich aus dem Kampf mit Ihrem Chef auszusteigen! An Ihrer eigenen Haltung können Sie etwas verändern, Ihren Chef können Sie letztendlich nicht verändern. Und gleichzeitig wird die Veränderung Ihrer eigenen Haltung Auswirkungen haben auf die Qualität der Beziehung zu Ihrem Chef. Davon bin ich überzeugt!
Wünsche Ihnen die nötige Portion Gelassenheit, Kreativität und Klugheit, um mit der Situation umzugehen!


Marion Mirswa: Vielen Dank für das Vertrauen, das Sie uns mit Ihrer Anfrage entgegen bringen.
Eines ist für mich noch unklar: Was Sie meinen mit "... die richtigen Leute am richtigen Ort zu haben?"
Da ich nicht weiß, was Sie bisher versucht haben, besteht nun die Gefahr, dass ich hier Anregungen schildere, die sich bisher als wenig hilfreich erwiesen haben. Deshalb zunächst ganz allgemein: Wenn Sie schon vieles versucht haben, würde ich nun etwas anderes versuchen - womöglich auch einen Weg, den Sie bisher als unwirksam eingestuft haben. Denn offensichtlich sind bisher die Ansätze gescheitert, die Sie als vielversprechend gesehen haben.

Haben Sie bereits ein Grobkonzept erarbeitet, aus dem hervorgeht, welche Personalkapazität vorliegt und wie die Aufgabenverteilung ist? Darauf aufbauend Ihre Änderungsvorschläge mit Zielbeschreibung, Umsetzbarkeit und Erfolgsaussichten - und die benötigten Ressourcen? Ein stichhaltiges Konzept könnten Sie schriftlich vorlegen und darauf aufbauend ein Gespräch suchen, in dem Sie zunächst nicht unbedingt Ihr Ziel erreichen wollen, sondern basierend auf der schriftlichen Vorlage versuchen, die Argumente Ihres Chefs nachzuvollziehen und ihn zu verstehen.

Vielleicht können Sie gemeinsam einen dritten Weg finden, vielleicht Teilbereiche definieren mit denen Sie zwar nicht den großen Wurf schaffen, doch sich in kleinen Schritten Ihrem Ziel annähern können.

Für ein formuliertes Konzept, können Sie möglicherweise auch "Mitstreiter" finden.
Es könnte auch für eine gute Vorbereitung hilfreich sein, Zwischenbilanz aus den letzten beiden Jahren zu ziehen: Was läuft gut? Was und wie hat sich die Arbeit entwickelt? Was wünschen Sie sich zunächst für sich - unabhängig von der geschilderten Situation – dann für die Abteilung...?
Ich wünsche Ihnen einen guten Weg.


Johannes Thönneßen: Eine höchst spannende Anfrage, bei der ich versucht bin, auf die Diskussion über die "Kernkompetenzen der Personalarbeit" einzusteigen. Zwei Gedanken meldeten sich sofort beim Lesen Ihres Anliegens:
  1. Wäre ich dieser Chef, hätten Sie wahrscheinlich wenig Mühe, mich zu überzeugen - weil ich von Hause aus Personalentwickler bin und keine Ahnung von der Gehaltsabrechnung habe.
  2. Wieso muss man denn die Gehaltsabrechnung auslagern - kann man nicht das eine tun ohne das andere zu lassen? Es soll Unternehmen geben, die haben die ausgelagerten Bereiche wieder zurückgeholt. Andere wiederum haben sogar die Personalentwicklung "outgesourct".
Was mich unmittelbar zu einer Reihe von Fragen führt, die durch Ihre Beschreibung nicht beantwortet werden:
Kann es sein, dass die Kernkompetenz Ihres Chefs eben die Gehaltsabrechnung ist, er hier der absolute Fachmann ist und diesen Status verlieren würde?
Für welche Aufgabe wurden Sie eingestellt? Für die Gehaltsabrechnung? Für Personalentwicklung? Für Recruiting?
Selbst wenn man die Gehaltsabrechung ausgliedern würde - ist ausreichend Know how vorhanden, um all die von Ihnen erwähnten Gebiete abzudecken?
Und schließlich: Kennen Sie den Grund bzw. die Beweggründe für die "Sturheit" Ihres Chefs?

Letztlich sollte die Auslagerung eines Aufgabengebietes die Lösung für ein Problem sein bzw. einen konkreten Nutzen stiften. Entweder sieht Ihr Chef dieses Problem bzw. diesen Nutzen nicht oder er fürchtet Konsequenzen, die für ihn bedrohlich sind. Erst wenn Sie seine Beweggründe verstanden haben, ist der Weg frei für weitere Schritte. Sturheit hat ja ihren Grund.

Ich denke, Sie sollten auf jeden Fall ein Gespräch mit Ihrem Chef suchen, wobei Sie über gemeinsame und unterschiedliche Auffassungen von Personalarbeit diskutieren, um dann an den Gemeinsamkeiten anzusetzen. Ihr Ziel sollte dabei nicht die Durchsetzung Ihrer Idee sein, sondern zum einen Verständnis für die Auffassung Ihres Chefs zu erlangen, zum anderen über die Art Ihrer Zusammenarbeit zu reflektieren und die gegenseitigen Erwartungen zu klären. Ein solches Gespräch ist nicht einfach, daher wäre es gut, wenn Sie es schaffen, über Ihren Schatten zu springen, "zugeben", dass Sie ihm mit Ihren Forderungen "auf die Nerven" gegangen sind und daher sich freuen würden, wenn man mal losgelöst von Outsourcing-Vorschlägen über die weitere Zusammenarbeit sprechen könnten.
Vielleicht können Sie ja in kleinen Schritten Ihre Vorstellung von Personalarbeit umsetzen, ohne gleich einen Bereich komplett auszulagern. Viel Erfolg dabei.


Wir freuen uns über weitere Anmerkungen zu der Anfrage und/oder den Antworten der Coachs.
 
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