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323. Anfrage vom 11.5.2012


 
Ich habe den Auftrag angenommen, einen Vortrag vor 200-300 Leuten halten und möchte diese Chance nutzen, aber zweifle immer mehr an meiner Fähigkeit dazu. Was kann ich tun?

Seit Jahren arbeite ich als Coach für Sportler. Aufgrund eines Hochschulstudiums und verschiedener Zusatzausbildungen bzw. Weiterbildungen und einem großen Erfahrungsschatz mit Menschen und deren Problemlagen, sowie eigenen Erfahrungen habe ich den Wunsch, mich mit zunehmendem Alter in Zukunft aus dem sehr kräftezehrenden Sportbereich, den ich so bis 75 nicht weiter ausführen kann, in die Richtung eines allgemeinen [...] Coachings zu verlagern, um mir eine weitere Zukunft auszubauen. Nun habe ich die Chance bekommen, auf einem Kongress einen 45mintigen Vortrag vor sehr vielen Leuten zu halten. Einerseits sehe ich dies als persönliche Herausforderung an, habe so etwas aber noch nie gemacht, nicht einmal vor 60 Augenpaaren. So stehe ich kurz davor, mir, mir "ein Scheitern zu erlauben", hoffe aber auf abwägenden Input, an den ich so möglicherweise noch nicht gedacht habe, um mich für ein "Tun oder Lassen" entscheiden zu können.

Das größte Hindernis für eine gute Lösung:

Die größten Hindernisse für eine adäquate Lösung sehe ich darin:
  1. Ich verfüge nicht über die ausreichenden finanziellen Mittel, mir meinerseits einen Coach zu engagieren, der mich bestmöglich auf die Rede vorbereitet. Einfach vor Freunden das Vortragen zu üben sehe ich als wenig Gewinn bringend, da ich schließlich mein echter Vortrag auch vor Fachpublikum standhalten muss ... was...
  2. die nächste für mich unüberwindbar scheinende Sachlage hervorruft: ich habe das Gefühl, dass das, was ich im Vortrag sagen wollte, als ich diesen vor mehr als einem Jahr annahm, mittlerweile schon ein fast "alter Hut" ist. Ich erzähle mit Sicherheit nichts wirklich erhellend Neues und denke mir, dass ich es mir dann lieber "schenken" sollte.
  3. bin ich nach einem sehr schweren Unfall ein Mensch, der stark intuitiv arbeitet, jedoch Sachverhalte auswendig und sei es nur passagenweise, nicht ohne Aussetzer hervorbringen kann, da ich nach einer Gehirnquetschung diesen Teil leider nicht wieder richtig aktivieren konnte. Dafür habe ich andere Teilbereiche meiner Gehirntätigkeit ausgebildet, was im eins zu eins Coaching problemlos anwendbar ist. Allerdings stellt dies für mich vor 400 - 600 Augen- und Ohrenpaaren eine weitaus größere Herausforderung dar.
Ich hatte mir durch diese Rede zum einen erhofft, meinen Bekanntheitsgrad ein wenig zu steigern, um zukünftig mehr im Coachingmetier Fuß zu fassen zu können. Zum anderen wollte ich mir damit die Chance geben, eine meiner letzten Bastionen "des Horrors" (vor vielen Menschen zu Reden) zu überwinden.
Zum dritten hatte ich wirklich etwas zu sagen bzw. zu geben. Stelle aber nun leider fest, dass die Ideen und Gedanken, von denen ich dachte, sie seien meine ureigenen, schon mehrfach gedacht und publiziert wurden, so dass ich nichts Neues beizutragen habe.

Ich frage mich, nachdem ich nun, wo es mehr und mehr auf diesen Vortrag hinzu geht und ich alles ständig neu und umschreibe, also eigentlich nichts Vortragbares in der Hand habe und ich fast keine Nacht mehr schlafe (und das alles, obwohl ich diverse Coachingtechniken bereits selbst bei mir angewendet habe. Hier hat bisher leider nichst wirksam gegriffen), ob ich
  1. nicht besser kurzfristig einem anderen Vortragenden den Platz einräume (und mir den Ärger des Kongressveranstalters zuziehe) und
  2. den Schluss daraus ziehen sollte, mir Gedanken darüber zu machen, ob ich mich mit fortschreitendem Alter besser (überspitzt gesagt) als "überqualifizierte Verkäuferin im Einzelhandel" verdingen sollte, als mit meiner Berufung andere zu coachen.
Ich erhoffe mir in diesem Forum Gedankengänge und Anregungen, mit meiner Lage best möglich umzugehen, da ich mir selbst mit eigenen Mitteln zur Zeit keine greifenden Lösungsansätze bieten kann und ein echtes Coaching aus gesundheitlich/finanziellen Gründen zur Zeit nicht umsetzbar ist. Vielen Dank.

Antworten der Coachs:

Tilman Kiehne: Vorab ein dickes Lob: Ich entnehme Ihrer Schilderung, dass Sie etwas mitbringen, was für einen Coach unverzichtbar ist: Selbstreflexion. Die Schilderung Ihres Dilemmas ist präzise, auf den Punkt, unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten erwägend. Und schon die wenigen Informationen, die Sie zu sich selbst geben, lassen mich ahnen: Starke Frau!

Leider kann man auch zu viel denken, und dann wird Reflexion zum Hemmnis. Ein im Grunde kleines Ereignis "Ich muss(?), möchte (!) und werde einen 45minütigen Vortrag halten" wird mit Hoffnungen und Erwartungen überfrachtet zu (und das scheint mir nur wenig überspitzt) "Nur wenn dieser Vortrag ein Erfolg wird, wird mein Leben weitergehen." Und mit dieser Bedeutung aufgeladen, wird es lebensbestimmend, schlafraubend, kräftezehrend in einem Maß, das dem Anlass in keiner Weise entspricht. An diesem Punkt scheinen Sie mir jetzt zu stehen.
Manchmal hilft der Blick in Heilige Schriften dabei, sich wieder zu erden: "Seht die Vögel unter dem Himmel an. Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. ... Sorgt nicht für morgen, der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat." Manchmal hilft der Griff in die Bibliothek der Graffitisprüche: "Nimm das Leben nicht so ernst, du kommst da eh nicht lebend raus."

Haben Sie in Ihrer Vorstellung beim Vortrag vor allem mit Zuschauenden oder mit Zuhörenden zu tun? Das Publikum als "Augenpaare" zu beschreiben, befremdet mich. Warum? Weil ich mit Ihrer Formulierung "Augenpaare" stechende, durchbohrende Blicke und ein gewisses aggressives Stieren assoziiere. Sie auch? Vielleicht hilft es Ihnen an dieser Stelle weiter, dass Sie nicht nur "Augenpaaren" entgegentreten, sondern auch "Ohrenpaaren" (weichen, flapsigen Elefantenohren, seidigen Langhaardackelohren, oder - falls Sie StarTrek-Fan sind - überaus empfindlichen und empfindsamen Ferengiohren). Oder noch ganz anders: Beinpaaren. Brustkörben. Armpaaren. Nasen. Ganzen Menschen.

Egal. Hinterfragen würde ich auf jeden Fall Ihre Grundannahme, das Publikum oder dessen Bestandteile sei primär feindlich gesinnt. Ich kenne dieses Gefühl und helfe mir an dieser Stelle meist mit der Erinnerung an die Gaußsche Normalverteilung. Aus dem Publikum werden einige mir feind sein, einige mich toll finden, den allermeisten jedoch werde ich - völlig egal sein und bleiben. Diese Vorstellung finde ich ungemein beruhigend. Und mir hilft es, zu Beginn eines Vortrags einige Sekunden meinen Blick durch die Menge schweifen zu lassen, mir eine mir gewogene Person in der dritten oder vierten Reihe zu suchen, und die ersten Minuten ganz bewusst primär mit dieser zu reden. Meinen Blick hebe ich erst dann und lasse ihn weiter schweifen, wenn ich genügend Sicherheit aus dem "persönlichen" Kontakt gezogen habe. [Das mit der "mir gewogenen Person" und dem "persönlichen Kontakt" ist rational betrachtet natürlich nur Fiktion, denn was weiß ich schon, was der/die Unbekannte wirklich von mir hält. Aber mir tuts gut!]

Der Gedanke an die Normalverteilung hilft mir auch, wenn ich an das Fachliche denke: Klar werden einige werden besser sein als ich, aber sicher auch einige schlechter - die große Masse wird an einem ähnlichen Punkt stehen wie ich (und sich (s.o.) noch nicht einmal einen Kopf darum machen, wo ich fachlich stehe). Aber selbst wenn die Inhalte allen im Auditorium bekannt und sogar besser vertraut wären als mir: Ich weiß, dass ich das Rad nicht neu erfinde, aber auch, dass ich es auf meine ganz individuelle, unverwechselbare Weise beschreibe. [Und das wenigstens ist immer und für alle neu! - Filmtipp: "Harold und Maude", die Szene mit den Ganseblümchen]

Abschließend noch ein - in meinen Augen DAS - Zitat zu Ihrem Grundthema: "Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better." [Immer wieder versucht. Immer wieder gescheitert. Egal. Versuchs wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.] (Samuel Beckett) Dem ist nichts hinzuzufügen. Nehmen Sie den Vortragstermin wahr in der Gewissheit, dass Sie, falls (!) Sie scheitern, dies wenigstens bestmöglich tun, und ich bin mir sicher, dass Sie nicht als "überqualifizierte Verkäuferin im Einzelhandel" enden.
PS: Das Beckett-Zitat kannten Sie schon? Tausendmal gehört. Ausgelutscht. Platt. Peinlich, es wieder zu erwähnen. Egal. Trotzdem geschrieben. Immer wieder gerne.


Detlef Schmidt: Vielen Dank für Ihre ausführliche Schilderung, in der Sie für mich sehr gut nachvollziehbar Ihre Situation beschreiben.
Sie erhoffen sich von uns Gedankengänge, Anregungen und einen abwägenden Input für die Entscheidung "Tun oder Lassen". Diesem Wunsch möchte ich natürlich gern nachkommen, daher meine Gedanken zu Ihrer geschilderten Situation.

Es scheint ja wirklich alles gegen das Halten dieses Vortrages zu sprechen: Ihre diesbezügliche Unerfahrenheit, Ihr "Horror", vor so vielen Menschen sprechen zu müssen, Ihre unfallbedingten Aussetzer in der freien Rede und Ihr Gefühl, den fast 300 Zuhörenden nichts wirklich Neues sagen zu können.
Der letztgenannte Aspekt ist für mich dabei übrigens der unbedeutendste: Wenn alle Vortragsreisenden nur dann einen Vortrag halten dürften, wenn sie etwas revolutionär Neues zu sagen hätten, wären wir eine fast vortragsfreie Zone. Bei Vorträgen zählt schlicht die Persönlichkeit des Vortragenden in Kombination mit dem, was er zu sagen hat und vor allem, wie er es sagt.
Es ehrt Sie zwar, den Anspruch zu haben, mit Ihrem Vortrag etwas echt Neues beitragen zu können, dieser Anspruch ist aber sicher unnötig hoch gegriffen.

Die Unerfahrenheit im Halten von Vorträgen und auch Ihren Horror vor so vielen Zuhörenden werden Sie tatsächlich wohl nur durch entsprechende "Trainings" beseitigen können. Da ist für mich allerdings die Frage, ob dieser Kongress als Trainingseinheit und Selbsttherapie-Maßnahme geeignet ist. Ihrer Schilderung nach zu urteilen erscheint mir dieser Kongress hierfür eine Nummer zu groß und zu gewichtig zu sein.
Und Ihre unfallbedingten Aussetzer in der freien Rede bringen in mir die Frage hoch, ob es überhaupt eine glückliche Wahl ist, auf das Pferd "Vortrag" zu setzen.

In der Gesamtsumme meiner Gedanken habe ich also zunächst eine klare Tendenz in die Richtung, beim Veranstalter den Vortrag mal besser schnell abzusagen. Wenn Sie die Vorbereitung und vor allem die Durchführung des Vortrages derart wie geschildert quält, tun Sie sich wohl keinen Gefallen, das Ding um jeden Preis durchziehen zu wollen. Und um den Bekanntheitsgrad zu erhöhen, gibt es auch andere Möglichkeiten, die für Sie nicht so qualvoll sind und die auch nicht eine vermutlich so hohe Fallhöhe haben, sollte der Vortrag schief gehen.

Trotz meiner klaren Tendenz gibt es aber auch die andere Seite, daher von mir noch einen scheinbar genau gegensätzlichen Gedanken:
Wäre es möglich (bzgl. Vortragsthema, Kongressthema, Art des Fachpublikums usw.) Ihren Vortrag weniger auf "Wissensvermittlung" auszurichten, sondern stattdessen stärker auf "meine Erfahrungen" (inklusive des Unfalls und der gesundheitlichen Folgen) zu setzen? In der Verknüpfung mit dazu passenden fachlichen Weisheiten und das Ganze authentisch, anregend und im besten Sinne unterhaltsam darzubieten?

In solche Richtung gedacht könnten Ihre Befürchtungen (Aussetzer, zu wenige neue Erkenntnisse etc.) deutlich an Schrecken verlieren, weil es in Ihrem Vortrag nicht um perfekte Wissensvermittlung ginge, sondern um einen Erlebnisbericht, der fachliche Erkenntnisse mit persönlichen Erfahrungen zusammenbringt.

Schlußsatz: Sie schreiben, Sie arbeiten stark intuitiv. Dann nehmen Sie Ihren Bauch als nicht manipulierbare Entscheidungs-Instanz und fragen bei ihm nach. Meistens hat er recht....
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg.


Johannes Thönneßen: Danke für diese sehr ausführliche und präzise Schilderung Ihrer Situation. Alle Aspekte aufzugreifen ist mir allerdings nicht möglich, ich hoffe, durch die Antworten der Kollegen werden diese mit abgedeckt. Ich würde gerne nur einen Punkt aufgreifen: Etwas Neues mitteilen. Sie haben vollkommen Recht: Sie werden nichts Neues erzählen. Ich lese unendlich viele Beiträge rund um die Themen Management, Coaching, Training, Motivation etc. und es gibt nichts was nicht schon mal jemand gesagt hat. Etwas anders vielleicht, aber inhaltlich identisch.

Dennoch glaube ich, werden Sie etwas Ihren Zuhörern bieten können: Ihre eigene, ganz individuelle und einmalige Persönlichkeit. Es gibt niemanden auf der Welt, der exakt die gleichen Erfahrungen gemacht hat. Was davon erzählenswert ist, können Sie nur selbst entscheiden. Vielleicht hilft es auch, andere zu fragen, die Sie gut kennen. Eine Idee drängt sich auf: Jemand, der Sportler coacht und selbt nach einem Unfall mit gravierenden Folgen sein Leben im Griff hat, ist vermutlich ziemlich einmalig. Da müsste so viel Material drin stecken, dass sie wahrscheinlich nicht mal eine Rede schreiben müssen, sondern sich einfach nur hinstellen und davon erzählen könnten.
Den Vortrag würde ich nur zu gerne selbst hören. Viel Erfolg dabei!


Christian Hohlweck: Liebe Kollegin,
ich habe es mit meiner Rückmeldung leider nicht pünktlich zu Redaktionsschluss geschafft, hoffe aber, meine Antwort erreicht Sie noch.

Zunächst einmal war ich ganz stark beeindruckt davon, wie treffend und präzise Sie Ihr Dilemma geschildert haben. Da klingt an, dass Sie gut mit sich in Kontakt sind. Und ich war auch froh, dass Sie in den ersten Sätzen von Ihren Kompetenzen und Erfahrungen berichten. Da ist ganz viel und das wissen Sie selbst auch.

Das ich heute erst antworte, passt aber gut, besuche ich doch just einen systemischen Kongress, der sich mit der Frage beschäftigt: "Wie kommt Neues in die Welt..." Und um "Neues" und "Altes" geht es ja auch in den Bewertungs- bzw. Selbstentwertungsprozessen, die gerade in Ihrem "inneren Team" abgehen.

Ich habe heute eine ganz aktuelle Erfahrung mit "Alt" gemacht bzw. "altem Wein in neuen Schläuchen" - berichtet doch ein hochkarätiger systemischer Referent heute im Workshop nahezu das Gleiche, was er auf dem letzten Coaching-Kongress vorgestellt hat - unter anderem Titel natürlich. Mein persönliches Pech, was für andere "neu" war, war für mich "alt".

Sie haben noch nie auf einem Workshop etwas aus Ihrer Arbeit vorgestellt und somit ist das was Sie sagen, für alle "neu". Und Sie selbst sind als Person für die Teilnehmer Ihres Workshops "neu". Die Situation ist also zunächst einmal von neutralen Erwartungen Ihrer Teilnehmer bestimmt. Und nun ist die Frage, wie ich mit kontrastierenden Hinweisen beim Abwägen helfen kann und vielleicht ein bisschen mehr die inneren Stimmen stärken kann, die sagen "tu es" - denn Sie würden ja nicht so einen Kopf bekommen, wenn das "tu’s nicht" einfach wäre.

Mir persönlich geht es so, dass ich auf Kongressen immer wieder "Neues" finde, aber nicht im Sinne von "kannte ich gar nicht", sondern eher der Art "ah, das könnte man kombinieren mit" oder "das könnte man doch anwenden auf..." Und vor dem Hintergrund ist mir bewusst, dass Vieles auf die gleiche Grundtechnik oder die gleiche Theorie zurück geführt werden kann. Es wäre fast ein kleines Wunder, wenn Sie andere grundlegende Konstrukte nutzen würden und das auch noch erfolgreich. Natürlich würden auch Sie mit Wasser kochen, so wie der hoch anerkannte Referent es tut. ABER: Was wäre wenn Sie Ihre persönlichen Erfahrungen, Ihre Arbeit, das Besondere des Sport-Coachings vorstellen. Wenn Sie einfach aus dem Nähkästchen plaudern würden und sich dabei auf Ihre intrinsichen Motive konzentrieren würden, mit Kollegen in Kontakt zu gehen und diesen die Gelegenheit und Chance geben würden, Erfahrungen der Art "ah, das könnte man kombinieren mit" oder "das könnte man doch anwenden auf..." zu machen.

Wie sehr würde Ihnen Ihre eingeschränkte Merkfähigkeit nach dem Unfall im Weg stehen, wenn Sie einfach aus Ihrer Erinnerung Geschichten Ihrer Arbeit erzählen würden? Würde das nicht ausreichen? Lehrbücher kann jeder kaufen, Geschichten einer Sport-Coachin haben wir Coaches wirklich noch höchst selten gehört. Wie wäre es, wenn Sie Ihr Motiv, sich im allgemeinen Coaching zu verorten, für sich behalten und das in den Vordergrund stellen, was Sie die letzten Jahre erlebt und erfahren haben. Und wenn Sie seit dem Unfall wirklich keine längere Geschichte aus Ihrem Leben mehr "frei" erzählen können, dann lesen Sie diese doch einfach vor - das haben heute auch zwei Referenten getan,

Natürlich funktioniert Ihre innere Abwehr bestens, haben Sie gesehen, dass Ihr "Angstmacher" aus 60 Augenpaaren schon 400-600 gemacht hat. Aber "Stop," der "Angstmacher" will gehört werden und ist eine genauso wertvolle Ressource und "innere Stimme" wie die innere Stimme, die mutig zugesagt hat, den Beitrag zu halten. Und es war „seine“ Idee, diesen virtuellen Dialog mit uns zu führen und nicht getrost ins Unglück zu marschieren. Und tatsächlich ist die Schraube in die Abwertung und innere Verunsicherung schon ganz schön tief gedreht und Sie berichten somatische Angstreaktionen. Das ist ernst zu nehmen. Inwieweit das mit dem Job als Verkäuferin heute noch ernst zu nehmen ist, wage ich zu bezweifeln. Können Sie heute darüber wieder lachen oder doch schmunzeln? Oder fühlt sich dieses völlige Infragestellen noch heute ernst an?

Unabhängig von Ihrer Antwort: Eine kleine Übung für Ihren inneren "Verunsicherer":
Fragen Sie sich: Was könnte denn alles Schlimmes in dem Workshop passieren, was könnte alles schief gehen? Lassen Sie Ihren Kritiker doch mal brainstormen, was alles passieren könnte - setzen Sie sich dazu an irgendeinen Platz in der Wohnung, an dem Sie selten und nicht unbedingt gerne sitzen.
Dann legen Sie die Liste weg, gehen Einkaufen, machen Gartenarbeit o.ä., es darf auch gern ein Tag dazwischen liegen.
Dann kochen Sie sich einen leckeren Kaffee oder Tee, dazu vielleicht was leckeres Süßes, dann setzen Sie sich auf einen Ihrer Lieblingsplätze und überlegen sich eine Lösung zu jedem Problem, welches auf der Liste steht. Fehlt Ihnen die eine oder andere Lösung, sprechen Sie darüber mit einer befreundeten Person.

Bleiben viele Probleme unlösbar und möchten Sie mit diesen Restriktionen den Vortrag lieber absagen, dann sollten Sie das tun. Natürlich werden Sie sich dann kräftig eine Zeit lang ärgern, aber sicher wieder besser schlafen.
Entwickelt sich das zarte Pflänzchen "des Machbaren", dann tun Sie es einfach.

Ich ahne übrigens jetzt schon, dass morgen der ebenfalls hoch anerkannte Referent wieder die Geschichte vom "Pantoffeltierchen" erzählen wird und ich werde ihm das verzeihen und gerne wieder zuhören, wie man einem Märchen lauscht. Wissen Sie warum, weil dieser Mensch einfach so nahbar und menschlich ist, wenn er seine Gedanken teilt. Und ich werde lauschen auf das "Neue", was sich in mir entwickelt und wofür weder die einzelne Referentin noch der Veranstalter verantwortlich ist.
Apropos Authentizität von Referenten: Wie erzählte ungefähr gestern Oskar Negt, ein Philosph alter Schule, zu Beginn vor 600 Augenpaaren: "Als ich die Einladung bekommen habe, habe ich gedacht, was soll ich denn da erzählen, da geh ich nicht hin. Doch dann meinte Frau, geh mal hin, die Gelegenheit kommt nie wieder." ;)

Ich freue mich, wenn Sie wieder zur Ruhe kommen, z.B. weil Sie es doch lieber lassen. Ein bisschen mehr freue ich mich, wenn Sie uns nach dem Kongress hier mitteilen, dass Sie es doch getan haben.
Ich wünsche Ihnen so oder so nur Gutes.


Wir freuen uns über weitere Anmerkungen zu der Anfrage und/oder den Antworten der Coachs.
 

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