myMWonline NEU
Sitemap
Sie befinden Sich hier:
Anfragen -> 326. Anfrage vom 04.02.2015
  

326. Anfrage vom 04.02.2015


 
Wie bekomme ich mehr Sicherheit, um in einem neuen Job die Erwartungen zu erfüllen - meine eigenen und die meines Arbeitgebers?

Seit 13 Jahren suche ich bereits nach einem unbefristeten Arbeitsverhältnis - ich hatte dazwischen immer mal wieder auf 2 oder 3 Jahre befristete Jobs, wurde aber zweimal aufgrund der schlechten finanziellen Lage der Institutionen nicht in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen. Einmal habe ich selbst nach der Probezeit gekündigt, weil der Job mich dermaßen psychisch belastet hat, dass ich mir jeden weiteren Tag in diesem Unternehmen nicht mehr vorstellen konnte. Und einmal war ich froh, als das Arbeitsverhältnis nach zwei Jahren zu Ende war, da in der Abteilung, in der ich arbeitete, übelstes Mobbing betrieben wurde.

Die Situation belastet mich sehr, da ich inzwischen 43 Jahre alt bin und nicht mehr die Kraft habe, mir alle zwei Jahre einen neuen Job zu suchen. Denn das bedeutet auch, sich ständig auf neue Leute und unterschiedlichste Arbeitsbedingungen einstellen zu müssen. Das tut besonders weh, wenn man die Kolleginnen und Kollegen und das Arbeitsumfeld sehr gemocht hat, so wie es bei meinem letzten Arbeitsverhältnis war. Zwischendurch war ich immer mal wieder, manchmal auch sehr lange arbeitslos. In dieser Zeit habe ich aktiv versucht, das Problem durch eine Psychotherapie und einige Bewerbungscoachings zu lösen, was mir aber bisher nicht gelang. Selbst der Berater vom Arbeitsamt hat mich zu einem psychologischen Test geschickt, da er sich nicht erklären konnte, warum eine hoch qualifizierte Betriebswirtin, wie ich es nun mal bin, keinen passenden Job findet. Heraus kam lediglich, dass ich manchmal ein zu forsches Auftreten habe - den restlichen Test habe ich mit Bravour bestanden.

Seit dem 01. Januar bin ich nun wieder mal arbeitslos. Ich hatte in der letzten Wochen sehr viel Zeit, um mir Gedanken über meine berufliche Situation zu machen. Mir ist dabei auch ein Fehlverhalten meinerseits aufgefallen, das ich bereits seit frühester Kindheit mit mir herumtrage.
Wenn ich eine Aufgabe von meinem Vorgesetzen erhalte, fällt es mir manchmal sehr schwer, ein zweites Mal nachzufragen, wenn ich die Aufgabenstellung nicht verstanden habe. Also versuche ich logisch an die Aufgabenstellung heranzugehen und erarbeite die nach meinem Verständnis beste Lösung.
Auch bei Konflikten getraue ich mich manchmal nicht, direkt auf die andere Person oder Partei zuzugehen, da ich fürchte, mich falsch zu verhalten. Auch bin ich mir nicht sicher, ob meine Fragen bei manchen Arbeitgebern nicht als totale Unselbständigkeit rüberkommen - auch das habe ich schon erlebt; wenn ich mich dann doch überwunden hatte zu fragen und mir dann unterstellt wurde, dass ich zuviel Unterstützung bräuchte, obwohl ich noch in der Probezeit war und den Job erst vier Monate ausgeübt habe.

Die Situation sieht vollkommen anders aus, wenn ich selbstständig was erarbeiten und mir auch die Infos selbstständig zusammentragen kann - da liefere ich immer super Ergebnisse ab.

Ich glaube auch zu wissen, woher die Problematik rührt, ich bin mit sechs Jahren aus dem Ostblock nach Deutschland eingereist; und obwohl ich bereits Deutsch konnte, hatte ich große Probleme, die Menschen mit ihren Dialekten zu verstehen. Wie ich recht früh bemerken musste, hatte niemand dafür Verständnis, wenn ich die Ausdrücke nicht kannte - also nicht so recht wusste, was mein Gegenüber eigentlich von mir wollte. Also habe ich so getan, als ob ich was verstanden hätte, und nach dem zweiten oder dritten Fragen einfach "ja" gesagt, um nicht abgelehnt zu werden.

Inzwischen sind mehrere Jahrzente vergangen; in der Schule kam ich immer gut zurecht, da die Lehrer deutlich gesprochen haben und zur Not konnte man sich das Wissen ja auch noch im Buch anlesen. Aber am Arbeitsplatz kann man oftmals, wenn man z.B. eine eilige E-Mail des Vorgesetzten erhält, nicht drei- oder viermal nachfragen, bis man weiß, was man eigentlich machen soll. Mir geht es aber manchmal so, dass ich im großen und ganzen schon verstehe, was der Vorgesetzte von mir will - aber die Details verstehe ich oftmals nicht. Oder ich verstehe die Zusammenhänge der Projekte nicht, da ich nur seit kurzer Zeit da bin, und soll dann über eine Sitzung Protokoll führen; wenn man dann nachfragt, wird man womöglich noch als "dumm" bezeichnet. Und wer möchte schon vor der Projektgruppe oder seinem Vorgesetzten sein Gesicht verlieren.

Mein Ziel ist es, Sicherheit darin zu kriegen, wann ich nochmals nachfragen kann, ohne mich zu blamieren - und wann ich mir schneller selbstständig Informationen zum Projekt bzw. zur Thematik beschaffen muss, um nicht als "Versagerin" oder inkompetente Mitarbeiterin dazustehen. Scheinbar habe ich hier ein falsches Muster in meiner Kindheit erlernt.

Das größte Hindernis für eine gute Lösung:
Das größte Hindernis für eine gute Lösung ist, dass ich die jeweils auftretenden Situationen wohl nicht richtig deuten kann. Das heißt, ich bin sehr verunsichert, wenn ich etwas in meinem Arbeitsumfeld nicht gleich verstehe und getraue mich nicht, ein zweites, oder drittes Mal bei meinem Vorgesetzen nachzufragen. Scheinbar stelle ich in der Einarbeitungsphase nicht genug Fragen, um schnellstmöglich in die Thematik des Projektes oder Aufgabenstellung hineinzufinden.

Oftmals suche ich mir aber auch Arbeitgeber, die sehr viel von mir verlangen, da ich das ja bereits als Muster von meinem Elternhaus kenne. Meine Eltern habe auch von mir verlangt, dass ich sie möglichst wenig belaste - und ich sollte aber ja eine gute Schülerin sein. Auch habe ich den Eindruck, dass die Arbeitgeber mich anfangs für überaus selbstständig und brillant halten, und dann sobald dieses Bild von mir nicht mehr besteht, sich enttäuscht von mir abwenden.

Meine Anfrage hat sehr viel Text und ist sehr vielschichtig, es ist mir sehr schwer gefallen, all diese Probleme und Emotionen in einem sinnvollen Kontext darzustellen. Über einige Anregungen zu meiner Problematik würde ich mich sehr freuen. Vielen Dank im Voraus!!

Antworten der Coachs:

Tilman Kiehne: Geben Sie bitte bei www.youtube.com "Michael Buffer ryan tala" ein, klicken Sie auf das oberste Ergebnis, schauen Sie sich das Video an ...
... und stellen Sie sich dann bitte vor, wie die Ansage mit der vollen Macht der Stimme und der gesamten Übertreibung von Michael Buffer weitergeht ...: "In der linken Ecke sehen Sie "Macho-Woman", suuuuper kompeteeeeeent, selbstääääändig, fooooorsch, hooooochqualifiziiiiiiiiiert - in der rechten Ecke "Girlie", uuuuuuuuunsicher, kleeeeeeeein, zöööööööööögerlich, und liiiiiiiiiiiebesbedüüüüüüüüürftiiiiiig ..."

Geben Sie sich Mühe, diese Ansage ganz deutlich zu hören (Wenn es beim ersten Mal nicht funktioniert, probieren Sie es ruhig noch einmal. Am besten mit geschlossenen Augen.)

Sie hören die Ansage? - Gut. Weiter.
Malen Sie - bitte in Plakatgröße, also wenigstens DIN A 2! - das Plakat zu dem oben angekündigten Kampf zwischen "Macho-Woman" und "Girlie".

Gestalten Sie die Figuren auf Ihrem Plakat extrem: "Girlie" extrem (!) schwach, klein, hilflos, ...; "Macho-Woman" extrem (!) stark, groß, dominant, ... . Freuen Sie sich an jedem übertreibenden Detail - und übertreiben Sie dann noch ein klein wenig weiter. Noch weiter. Und noch ein bisschen... So weit, dass Sie an den Punkt kommen, an dem Schwäche Stärke und Stärke Schwäche wird.

Genießen Sie es in vollen Zügen, wie das Plakat unter Ihren Händen entsteht. Nehmen Sie sich alle Zeit dafür, die Sie brauchen. Achten Sie dabei gut auf die Gefühle, die in Ihnen beim Gestalten der Figuren auftauchen und nehmen Sie alle Gefühle gleichermaßen wertschätzend wahr.

Das Plakat ist fertig? Treten Sie einen Schritt zurück und setzen Sie sich vor Ihr Plakat. Betrachten Sie es so lange, wie es braucht, um beide Kämpferinnen mit all ihren jeweiligen Vorzügen und Nachteilen zu akzeptieren und zu integrieren.

Erfreuen Sie sich daran, dass beide Seiten zu Ihnen gehören. Und dass Sie die jeweiligen Kompetenzen von beiden im jeweils richtigen Moment nutzen können. Und dann ... -
“Get ready to ruuuuuumbleeeeeeeeee!”


Jörg Middendorf: Vielen Dank für Ihre ausführliche und klare Beschreibung der Situation. Offenbar haben Sie intensiv über Ihre Lage nachgedacht und auch mögliche Problemursachen analysiert. Wenn ich das richtig verstehe, haben Sie ja auch schon einiges an Aufwand in eine professionelle Beratung gesteckt. Daher glaube ich nicht, dass ein Mehr an Ursachenanalyse Sie wirklich weiter bringen wird. Mich würde viel mehr interessieren, wie Sie Ihre Stärken und Erfahrungen noch besser einsetzen können. Sie haben ja eine solide Ausbildung, können selbstständig und gut organisiert Ergebnisse liefern, können sich selbst motivieren neue Stellen zu finden, in Bewerbungssituationen überzeugen und haben bei unterschiedlichen Arbeitgebern viel Berufserfahrung gesammelt.

Ich würde Sie bitten sich diese und weitere Stärken von Ihnen einmal genau anzusehen. Nehmen Sie sich dafür Zeit und schreiben Sie Ihre Stärken und Fähigkeiten detailliert auf. Das braucht vielleicht zwei, drei oder auch mehr Tage - da einem immer noch etwas einfällt - aber die Zeit sollten Sie sich nehmen.

Dann kommt Schritt 2: Wie müsste nun ein Arbeitsplatz aussehen, an dem Sie Ihre Stärken am besten zur Geltung bringen können? Welche Bedingungen müssten gegeben sein, damit Sie erfolgreich Ihre Stärken einsetzen können?
Beschreiben Sie Ihren idealen Arbeitsplatz mit den indealen Arbeitsbedingungen – auch bitte schriftlich und ausführlich. Je klarer Ihr Bild davon ist, in was für einer Umgebung Sie erfolgreich sein können, desto wahrscheinlicher ist es, dass Sie diese Umgebung auch erkennen, wenn Sie sie sehen. Wenn Sie Ihre neue Stelle gefunden haben, konzentrieren Sie sich auf Ihre zahlreichen Stärken. Wo funktioniert etwas gut? Wo haben Sie Erfolge? Versuchen Sie in diesen Bereichen mehr zu machen.

Natürlich wird es auch Probleme bei der nächsten Stelle geben – das ist das Normalste von der Welt. Überlegen Sie sich jetzt schon, welche Probleme auftreten könnten und welche Ihrer Fähigkeiten, Erfahrungen und Stärken Sie dann nutzen können, um die Probleme zu lösen. So haben Sie in Ihrer Anfrage zum Beispiel demonstriert, dass Sie die Herausforderung von für Sie unklaren Anforderungen und Ihrem Umgang damit gut beschreiben können. Wenn ein solches Problem bei der nächsten Stelle auftritt, können Sie also zum Beispiel diese Fähigkeit nutzen, um darüber mit Ihrem Vorgesetzten zu sprechen. Aber dies ist nur ein Beispiel für eine kleine Sammlung von Strategien, die Sie sich jetzt zurechtlegen können um auf Probleme gut vorbereitet zu sein. Anfangen sollten Sie aber mit der ellenlangen Auflistung Ihrer Stärken und Erfahrungen, damit Sie wissen welche Stelle die Richtige für Sie sein wird. Weiterhin viel Erfolg und beste Grüße!


Marion Mirswa: ich will versuchen, möglichst kurz zu bleiben:
43, das heißt, Sie haben noch 24 Berufsjahre vor sich bis 67 - das ist mehr als das halbe Berufsleben. Der bisherige Weg hat sich als wenig erfolgreich erwiesen. "Wenn du etwas tust, das funktioniert, mach weiter; wenn du etwas tust, das nicht funktioniert, mach was anderes." Angenommen, Sie halten sich an diesen Satz, dann würde das bedeuten: "Mach was anderes!"

Es ist verständlich, ja normal, wenn Sie nach vielen Arbeitsverhältnissen, die - aus unterschiedlichen Gründen - nicht zum gewünschten Erfolg geführt haben, verunsichert sind. Ich lese in Ihrer Anfrage "... manchmal ein zu forsches Auftreten ...", "...Fehlverhalten meinerseits ...", "... ein falsches Muster in meiner Kindheit erlernt." Sie stellen sich demnach selbst in Frage - oder? Ich würde sagen: Das Muster Ihrer Kindheit war sinnvoll, sie konnten sich damit schützen und es hat Ihnen geholfen - es hilft Ihnen immer noch - auch wenn es vermutlich nicht in jeder Situation passt und angemessen ist.

"... Ich suche mir aber auch Arbeitgeber, die sehr viel von mir verlangen ..." schreiben Sie an anderer Stelle. Wie steht es mit dem, was Sie von sich verlangen? "...wenn man dann nachfragt, wird man womöglich noch als dumm bezeichnet..." schreiben Sie. Sind es womöglich Sie selbst, die sich unter viel größeren Druck setzt, als es Vorgesetzte und Arbeitgeber tun? Seien Sie gnädig mit sich selbst, Nobody is perfect.

Wenn Sie keine Sicherheit im Außen finden, bleibt der Weg nach innen. Meditation, sich mit Spiritualität zu beschäftigen, kann ein Weg zu innerer Sicherheit, zu Vertrauen sein. Sie können auch Ihre Intuition schulen und damit, das eigene Urteilsvermögen stärken. Mit all diesen Wegen entwickeln Sie sich selbst, Ihre Persönlichkeit weiter und gewinnen "Selbst-Vertrauen". Dass Sie die Stärke besitzen, Ihren Weg selbst zu gehen, haben Sie in Ihrer Kindheit erfahren - eine Schule, die sich aus den Umständen ergeben hat.

"... Die Situation sieht vollkommen anders aus, wenn ich selbständig was erarbeiten kann ... liefere ich super Ergebnisse ab." Möglicherweise ist der Weg in die Selbständigkeit eine Alternative. Es gibt Wege auch für Menschen ohne Startkapital. Der erste Schritt wäre, sich damit zu beschäftigen. Eine Möglichkeit ist, sich über Gründerzentren, IHK ... zu informieren. Dieser Weg benötigt Zeit und Mut, doch Wege entstehen beim Gehen.

Sollten Sie zufällig in der Region Stuttgart leben: An der VHS Leonberg können Sie relativ günstig ein Einzelcoaching (unter dem Titel "Bewerbungscoaching" 90 Minuten) buchen. Die Inhalte sind völlig frei. Es gibt sicher auch Volkshochschulen an anderen Orten, die Ähnliches anbieten.

Wenn Sie sich mit Literatur zu Intuition, Selbstentwicklung ... beschäftigen möchten: Maja Storch hat einiges verständlich in einprägsamer Weise veröffentlicht. (Ist einfach über Suchmaschinen zu finden.)

Ich wünsche Ihnen eine spannende Zeit, in der Sie Ihren Weg finden und gehen.

Über eine Rückmeldung würden wir uns freuen. Wenn Sie mögen, schreiben Sie einen Kommentar oder eine Mail. Weitere Kommentare sind ebenfalls willkommen.
 
Unterthemen   Kurzbeschreibung  
Leserkommentare (326)  
Leserkommentare zur 326. Anfrage  


Ihre E-Mail-Adresse:


Sicherheitscode: