myMWonline NEU
Sitemap
Sie befinden Sich hier:
Anfragen -> 327. Anfrage vom 02.09.2015
  

327. Anfrage vom 02.09.2015


 
Habe ich mit Ende 40 beruflich noch eine Chance, nachdem ich auf meinem jetzigen Job keine Perspektive mehr sehe?

Ich bin Ende 40 mit sozialwissenschaftlichem Studium und arbeite seit deutlich mehr als 10 Jahren als PR-Referent in der Kommunikationsabteilung eines kriselnden Unternehmens mit über 10.000 Mitarbeitern. Die Wertigkeit meiner Aufgaben, ihre Zahl und der Umfang der Verantwortung nehmen seit Jahren kontinuierlich ab. Seit über zwei Jahren habe ich nach einer erneuten Umstrukturierung praktisch überhaupt nichts Wichtiges außer trivialster Pipifaxaufgaben mehr zu tun, surfe noch mehr im Web und plane meinen Urlaub am Arbeitsplatz.

Nun möchte sich das Unternehmen im Rahmen weiterer Abbaumaßnahmen auch aktiv von mir trennen und man hat mich nun endgültig kaltgestellt. Ich bin allerdings schon seit Jahren auf der Suche nach einem neuen Job. Der Wechsel will aber trotz gar nicht mal so weniger Vorstellungsgespräche einfach nicht gelingen. Mittlerweile bin ich völlig deprimiert und habe eigentlich überhaupt keine Lust mehr zu arbeiten.

Größtes Problem aus meiner Sicht: Für einen wirklich verantwortungsvollen Posten bin ich völlig unterqualifiziert, da es mir auf der aktuellen Stelle in all den Jahren nicht gelungen ist, mich weiterzuentwickeln. Im Gegenteil, ich bin hier nicht einmal auf einem Juniorlevel. Es ging inhaltlich einfach kontinuierlich abwärts (s.o.). Das ist wirklich Fakt. Das erzähle ich natürlich so nicht in einem Vorstellungsgespräch. Für weniger verantwortungsvolle Positionen bin ich aber schlicht zu alt. D.h., es klafft eine Riesenlücke zwischen meiner Qualifikation und meinem Alter. Hinzu kommt, dass ich mich schwer tue mit räumlichen Veränderungen und die Vorstellung einer Wochenendpendelei Panikgefühle auslöst.

Wie auch immer: Mittlerweile bin ich daher überzeugt, dass es für mich beruflich keine wirkliche Chance mehr gibt. Sehen Sie das anders? Antworten wie: Jeder hat seine Stärken, die er irgendwo einbringen kann, bringen mich nicht weiter. Ich mag zwar Stärken haben, aber keiner möchte dafür etwas bezahlen.

Das größte Hindernis für eine gute Lösung:
Ich selbst.


Antworten der Coachs:

Detlef Schmidt: Vielen Dank für die plastische Schilderung Ihrer Situation. Sie schreiben, dass Sie mittlerweile völlig deprimiert sind - und ja, genau das lese ich auch aus all Ihren Zeilen. Sie sind überzeugt, dass es beruflich für Sie keine wirkliche Chance mehr gibt und stellen uns Coaches die Frage, ob wir das anders sehen … hmmm, nun ja, ich sehe das anders, wenn... Aber dazu später mehr.

Beim Lesen Ihrer Schilderung sind mir mehrere Fragen hochgekommen, die ich Ihnen gern stellen möchte. Vielleicht haben Sie ja Antworten auf meine Fragen und diese Antworten sind im besten Fall gute Ausgangspunkte für Ihre nächsten Schritte:
  • Die Wertigkeit Ihrer Aufgaben hat stetig abgenommen und nun haben Sie überhaupt nichts Wichtiges mehr zu tun - was wären denn in Ihren Augen wichtige Aufgaben? Und für wen wichtig: Für Sie? Für das Unternehmen?
  • Eigentlich haben Sie überhaupt keine Lust mehr zu arbeiten - was heißt das genau: dort nicht mehr zu arbeiten? Inhaltlich das, was Sie tun, nicht mehr zu tun? Oder gar nicht mehr arbeiten zu müssen, sondern lieber z.B. dauerhaft am Strand zu liegen?
  • Es ist Ihnen nicht gelungen, sich weiterzuentwickeln - woran liegt das Ihrer Meinung nach? Was waren die Hinderungsgründe?
  • Für weniger verantwortungsvolle Positionen sind Sie zu alt - wie kommen Sie auf diesen Gedanken? Wissen Sie das genau oder vermuten Sie es lediglich?
Sie möchten von mir keine platten Antworten wie: Jeder hat seine Stärken, die er irgendwo einbringen kann! Okay, verstehe ich gut. Andererseits ist aber auch klar, dass Sie selbst aktiv werden müssen, wenn Sie Ihre Situation verbessern wollen. Und dabei ist es hilfreich, sich darüber klar zu werden: Was kann ich gut? (also doch: worin liegen meine Stärken?). Was will ich (beruflich, privat) erreichen? Welche Aufgaben (beruflich, privat) würden mir innere Befriedigung verschaffen? Usw.
Und ebenfalls: Wo und wie würde ich wohnen wollen, wenn ich berufsbedingt umziehen müsste?

Sie haben beruflich keine wirkliche Chance mehr? Nun ja, ich sehe das anders, wenn … es Ihnen gelingt, ehrlich und klar sich selbst gegenüber zu sein. Siehe meine Fragen an Sie im oberen Teil. Klarheit und Ehrlichkeit bspw. auch bei der Antwort auf die Frage, weshalb Ihre Suche nach einem neuen Job bisher nicht von Erfolg gekrönt war.

Ein Letztes: Sie schreiben nichts von Familie oder finanziellen Verbindlichkeiten wie z.B. einem Hauskredit - also von Aspekten, die Sie von allzu großen Risiken abhalten könnten. Das bringt mich auf einen Gedanken: Nach so langer Betriebszugehörigkeit hätten Sie bestimmt gute Karten, eine richtig nette Abfindung auszuhandeln. Warum eigentlich nicht diese Abfindung nehmen, aus der deprimierenden Situation aussteigen, eine Auszeit nehmen, auf Reise gehen, den eigenen Interessen und Neigungen nachgehen, dabei Klarheit über sich selbst erzielen und sich anschließend mit einer neuen, stabilen inneren Verfassung beruflich eine Aufgabe suchen, die zu Ihnen passt?

Mehr Antworten habe ich nicht für Sie. Ich hoffe, dass ein paar Anregungen dabei waren, die Ihnen nützlich sind und wünsche Ihnen alles Gute!


Marion Mirswa: Schwierige Situation - an einer Wegscheide. Mit welcher Intention haben Sie sich vor deutlich mehr als zehn Jahren gerade für dieses Unternehmen entschieden, mit welchem Ziel sind Sie angetreten und was haben Sie dafür getan? Keine Entwicklung - oder gar Rückschritt? Trivialste Pipifax-Aufgaben? Was würden Sie denn gerne machen - NICHT was erwartet - wer-auch-immer - von Ihnen? Auch wenn es blöd klingt - Es ist nie zu spät, die Richtung zu wechseln. Ende 40 - das sind mindestens noch 15 Jahre oder mehr im offiziellen Arbeitsalter. Es gibt auch Berufe, da ist man aktiv, so lange man will - und nicht abhängig von einem Rentenalter - Berufe, die man über den ersten Ausbildungsweg gar nicht erreichen kann.

Vielleicht handeln Sie eine gute Abfindung aus - nehmen dafür Unterstützung für die Verhandlungsführung in Anspruch - gönnen sich ein Sabbatjahr oder einige Tage/Wochen/Monate Auszeit beim Wandern, gehen vier Wochen in ein spirituelles Zentrum oder reisen per Frachtschiff irgendwo hin ... oder stürzen sich irgendwo ins Getümmel - einfach ANDERS und ABSTAND, um den Weg zu sich selbst zu finden.

Sind Sie verheiratet, haben Sie Kinder, pflegebedürftige Personen, um die Sie sich kümmern müssen? Dann vereinbaren Sie etwas, das möglich ist, organisieren Unterstützung, überzeugen Sie diese - und vor allem sich, dass Sie Kraft tanken müssen. Sie können zeitlich nicht raus - dann suchen Sie Kontakt zu neuen Menschen - in Zeiten von Social Networks ist das einfach möglich. Machen Sie einen Trommel-Workshop, gehen Sie Malen - egal - nur nichts im Voraus bewerten bzw. abwerten. Oder bevorzugen Sie Rationaleres, beruflich anerkannte Methoden - da gäbe es das Zürcher Ressourcen Modell (ZRM) oder die Existenzanalyse nach Viktor Frankl – die Suche nach dem Sinn ...

Lamentieren Sie nicht über das, was nicht geht, sondern suchen Sie Wege, die gangbar und ausbaufähig sind. Und werden Sie selbst aktiv - erwarten Sie nichts, gehen Sie im direkten Wortsinn - und wenn es ein Lama-Trecking im Schwarzwald ist. Machen Sie eine berufliche Fortbildung. Es gibt Länderprogramme - Baden-Württemberg beispielsweise hat ein Förderprogramm "Fachkurse". Hier können Sie beispielsweise für berufliche Weiterqualifikation ab 30 Prozent der Seminargebühren und ab 50 Jahren sogar 50 Prozent erhalten.

Vielleicht müssen Sie Ihr Haus verkaufen – das ist hart. Doch benötigen Sie es wirklich, um glücklich zu sein? Hat Beweglichkeit und Flexibilität nicht auch eine Qualität?
Wirklich schlecht scheinen Ihre Chancen ja nicht zu stehen, wenn Sie Einladungen zu Vorstellungsgesprächen erhalten. Dann könnte man vermuten, dass es weniger an Ihrem Alter und Ihrer Qualifikation liegt. Haben Sie schon mal Ihre Interviewpartner gefragt, warum ausgerechnet Sie eingeladen wurden?

Vielleicht ist es die Schere in Ihrem Kopf, die Sie bewegen müssen, bevor sie fest rostet? Wenn nicht Sie, wer dann? Egal wie Sie sich entscheiden - tun Sie`s - sonst entscheiden andere über Sie und Ihre Zukunft. Und ... egal wie Sie sich entscheiden .... machen Sie sich keine Vorwürfe - Niemand ist Hellseher und weiß, was wirklich richtig gewesen wäre - falls es überhaupt Richtig und Falsch geben sollte. Gönnen Sie sich ein Coaching ... und "nehmen Sie die Menschen um sich herum mit." Sie benötigen auch "Anpassungszeit". Veränderung ist immer schwierig - da wir ins Ungewisse gehen.
Ich möchte mit einem Zitat enden: "... Und vor allem, hab den Mut deinem Herzen und deiner Intuition zu folgen. Die wissen nämlich irgendwie bereits, was du tatsächlich werden willst. Alles andere ist zweitrangig." - Steve Jobs’ Stanford Commencement Address, 2005.


Christian Hohlweck: das klingt ja wirklich nach einer langen Zeit des "sich" und "es" beruflich gehen und laufen Lassens. Es scheint als hätte eine Seite in Ihnen immer wieder auf diesen beruflichen Niedergang hingewiesen, gewarnt, und auf Alternativen aufmerksam gemacht. Und eine andere Seite in Ihnen, die wohl mehr zu sagen hatte, wiegelte das ab, redete sich ein, dass es gut ist, wenn man nicht zu viel arbeitet; surfte nach dem nächsten Urlaub… und der Chef dieser und anderer Stimmen - Sie - waren das größte Hindernis, wie Sie sagen? Der Chef hat mehr auf die eine als auf die andere Stimme gehört? Naja sicher nicht ganz, denn es gab immer wieder Bewerbungen.

Was mich als Coach aufmerken lässt ist, dass Sie von Bewerbungsgesprächen erzählen, d.h. von der Papierform sind Sie wohl interessant gewesen für andere Unternehmen? Was in Ihrem persönlichen Auftreten wollte da denn nur immer nicht klappen, wenn Sie doch Ihre Tätigkeit nie schlecht verkauft haben?

Für das nächste Gespräch könnten Sie sich vielleicht mal in einem kleinen Rollenspiel mit einem Freund vorbereiten. Aber das ist eine Mini-Hinweis und er wird Ihrer aktuell erlebten Situation nicht gerecht, denn Sie schreiben: "Mittlerweile bin ich völlig deprimiert und habe eigentlich überhaupt keine Lust mehr zu arbeiten."
Nun frage ich mich, wie "down" Sie wirklich schon sind. Testen wir mal diese - zugegeben immer etwas platt wirkende - Frage: Was würden Sie mit Ihrem Leben tun, wenn Sie z.B. aufgrund eines Lottogewinns eine lebenlange Rente von monatlich 3000 Euro bekämen?
Oder testen Sie mal diesen Gedanken: Ich habe keine Lust mehr zu arbeiten, ergänze: in dem Laden, oder ergänze: in völlig simplen, langweiligen, wiederkehrenden Tätigkeiten. Es könnte ja sein, dass das jedem so geht, der da solange arbeitet wie Sie, dann hätte es ja weniger mit Ihrer Person zu tun.

Aber so lange hätten es andere vielleicht gar nicht ausgehalten. Eine Ihrer Stärken ist daher sicher "Durchhaltefähigkeit", am Ende auch sowas wie "Leidensfähigkeit". Ein anderer hätte schon viel eher hingeschmissen und eher auf Arbeitslos gemacht. Aber Sie haben sich in der Richtung nicht gehen lassen. Also scheint es Ihnen und Ihrem Selbst wichtig zu sein, eine Arbeit zu haben und irgendwo täglich etwas zu tun, zu leisten.
Auf Ihre große Frage habe ich so spontan sicher nicht die richtige Antwort. Sie schließen ja das was hier anonym auf die Schnelle möglich ist, nämlich ein "Ja, finden Sie Ihre Stärken" schon selber wieder aus.
Vielleicht wollen Sie ja von anderen, z.B. uns Coaches die Bestätigung dass Sie keine Chancen mehr auf dem Arbeitsmarkt haben? Diese Bestätigung werden Sie von mir nicht bekommen.
Ich bestätige Ihnen, dass Sie ein Problem haben und ahne, dass an Ihrer Hypothese einiges dran sein könnte, dass Sie das Problem sind. Also können Sie es nur durch Arbeit an sich lösen und damit meine ich nicht, wieviel Bewerbungen Sie schreiben oder nicht. Ich meine - gerade weil Sie mittlerweile emotional unter der Situation leiden, demotiviert werden, sich als deprimiert empfinden – Sie sollten sich eher heute als morgen um professionelle psychologische Unterstützung = Psychotherapie bemühen, um emotionale Stabilisierung, internes Sortieren, etc. um sich wieder zu stärken. Psychotherapie hat nichts mit "einen an der Klatsche zu haben" zu tun, sondern ist vergleichbar mit der Physiotherapie und Krankengymnastik die Sie bei einem Bandscheiben-Vorfall sicher auch nicht ablehnen würden. Ich glaube "Coaching" würde zu kurz greifen, da ich ahne, dass mehrere Seiten Ihrer Persönlichkeit durch Sie sortiert, bearbeitet, wertgeschätzt etc. werden sollten. Außerdem kostet Coaching Sie eigenes Geld, eine Psychotherapie finanziert Ihre Krankenkasse.
Es geht Ihnen nicht gut, und Sie haben das Recht dass es Ihnen nicht gut geht. Sie haben aber auch Recht, dass Sie der Einzige sind der daran was ändern kann.
Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute!


Über eine Rückmeldung würden wir uns freuen. Wenn Sie mögen, schreiben Sie einen Kommentar oder eine Mail. Weitere Kommentare sind ebenfalls willkommen.
 
Unterthemen   Kurzbeschreibung  
Leserkommentare (327)  
Leserkommentare zur 327. Anfrage  


Ihre E-Mail-Adresse:


Sicherheitscode: